LeitmarktNachhaltiger Konsum

Ex und hopp war gestern

Nachhaltiger Konsum prägt den Einzelhandel in der Metropole Ruhr

Den Profi erkennt man daran, dass er die Schnürsenkel herauszieht, bevor er Bürsten mit Ziegen-, Yak- oder Rosshaarbesatz schwingt. Nach der Vorreinigung trägt er mit bloßem Finger Creme auf – wer bei braunem Leder unsicher wegen des Farbtons ist, wählt einen Ton dunkler aus. Die hauchdünne Schicht Wachs krönt das Werk. Und ein neues Paar Schnürsenkel ist kein Luxus. „Professionell Schuhe putzen“ heißt das zweistündige Seminar, das das Warenhaus Manufactum bundesweit in seinen Filialen anbietet. Die Teilnehmer erfahren, wie sie ihren bodenständigsten Kleidungsstücken Gutes tun und dabei die Manufactum-Produkte nutzen können.

„Dinge, die einen besonderen Platz im Leben einnehmen können“, sind das Geschäftsmodell des 1987 in Waltrop als Katalogversand gestarteten Unternehmens. „Wir wollen unseren Kunden dabei helfen, mehr Freude im Alltag zu entdecken. Das Thema Nachhaltigkeit ist für uns eine logische Konsequenz hieraus und somit fester Bestandteil unserer Markenidentität. In unserem Produktsortiment sind nur Dinge, die gut und lange funktionieren, ressourcenschonend hergestellt werden und sich einfach reparieren lassen“, sagt Geschäftsführer Max Heimann. Die Seminare zur Schuhpflege, zum Schleifen von Messern oder zum Platzsparen im Kleiderschrank tragen zur Bewusstseinsbildung bei: „Wir möchten, dass unsere Kunden die Dinge selbst in die Hand nehmen und die Produktgeschichte erleben. Unsere Warenhausveranstaltungen ermöglichen eine intensive Auseinandersetzung mit den Produkten.“

In unserem Produktsortiment sind nur Dinge, die gut und lange funktionieren, ressourcenschonend hergestellt werden und sich einfach reparieren lassen.

Max Heimann, Geschäftsführer Manufactum

Von wegen Wegwerfgesellschaft

Konsum ist heute mehr als das Ex-und-hopp der sogenannten Wegwerfgesellschaft. Die Hersteller von Verbrauchsgütern, der Einzelhandel sowie benachbarte Dienstleister in Landwirtschaft und Fischerei folgen zunehmend Ideen der Nachhaltigkeit, wovon unter anderem das Ökostrom-Projekt eines Getränkeherstellers, das Bio-Sortiment beim Discounter und die Renaissance der Hofläden zeugen. In der Metropole Ruhr erwirtschafteten 2017 rund 10.900 Unternehmen im Leitmarkt nachhaltiger Konsum einen Umsatz von 64,3 Milliarden Euro – zwei Prozent mehr als im Vorjahr. Die Branche hat 119.910 Beschäftigte, was einem Anteil von sieben Prozent an der Gesamtbeschäftigung entspricht. Regionale Schwerpunkte bestehen im Kreis Wesel sowie in den Städten Hamm, Mülheim an der Ruhr und Oberhausen.

Vor allem dem Einzelhandel beschert der nachhaltige Konsum Zuwächse bei Beschäftigung und Umsatz. „In der Metropole Ruhr leben mehr als fünf Millionen Menschen. Innerhalb einer Reisezeit von einer Stunde erreichen die Stadt Essen als Verkehrsknotenpunkt mehr als neun Millionen Menschen mit dem ÖPNV, mit dem Auto sind es sogar elf Millionen. Für den Handel in der Metropole Ruhr stellt dies ein riesiges Kundenpotenzial dar, dem auf einer Verkaufsfläche von über 9,5 Millionen Quadratmetern ein ebenso attraktives wie umfassendes Einzelhandelsangebot präsentiert werden kann“, sagt Marc Heistermann, Hauptgeschäftsführer des Handelsverbands NRW Ruhr.

Leitmarkt mit vielen Facetten

Der Einzelhandel in der Metropole Ruhr bietet ein vielschichtiges Bild. Neben Shopping-Malls wie dem Centro in Oberhausen sind alle großen Warenhausketten vertreten, beispielsweise Karstadt mit dem Flagship-Store am Limbecker Platz in Essen. Im Lebensmittelsegment spielen die Discounter Aldi Nord mit Sitz in Essen, und Aldi Süd in Mülheim an der Ruhr eine wichtige Rolle, genauso die Tengelmann-Gruppe in Mülheim an der Ruhr. Zu den großen Sortimentsspezialisten gehört die Schuhkette Deichmann in Essen.

Das Thema Nachhaltigkeit treibt alle um: Das Centro setzt auf flächendeckende Dachbegrünung und Tageslichtnutzung; der Karstadt-Komplex am Limbecker Platz ist von der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen zertifiziert; Aldi Nord und Aldi Süd stellen in ihren Nachhaltigkeitsberichten Fairtrade- und Bio-Aktivitäten vor; Tengelmann fördert Schulpartnerschaften und ehrenamtliches Engagement, etwa für Gospelmusik; Deichmann gilt als vorbildlicher Arbeitgeber und finanziert Hilfsprojekte in Deutschland, Indien, Afrika und Moldawien.

  • 119910
    Beschäftigte
  • 64,3 Mrd. €
    Umsatz
  • 10.900
    Unternehmen

Einzelhandel hat clevere Ideen

Große Unternehmen schaffen viel, aber die kleinen stehen ihnen in nichts nach, besonders in Sachen Kreativität. „Besser secondhand als zweite Wahl“ empfiehlt die Minikette Papelapapp und Rosenrot, die unter diesen beiden Marken drei Geschäfte in Duisburg, Recklinghausen und Gelsenkirchen betreibt. Hochwertige Kleidung, Accessoires und Schmuck werden für maximal drei Monate in Kommission genommen. Für den Fall, dass sich kein Käufer findet, kann der Kunde die Ware an eine gemeinnützige Einrichtung spenden.

Ein originelles Geschäftsmodell hat auch Dein Trödelregal, ein Flohmarktanbieter in Herten, der in einer eigenen Halle alte Schätzchen feilbietet. Glücklich unverpackt in Essen macht deutlich, wie Konsum ohne Plastik- und andere Verpackungen funktioniert. Allerlei verpackungsfrei in Bottrop konnte dank Crowdfunding einen Unverpackt-Supermarkt eröffnen. Im Bereich Mode ist der Leitmarkt nachhaltiger Konsum besonders ergiebig: Native Souls in Bochum und Essen, Fairhavn in Essen, FairBleiben in Dortmund oder Cocccon in Hagen vertreiben Kleidung, die ökologisch und fair hergestellt wird.

Manufactum steht für Qualität, Nachhaltigkeit und traditionelles Handwerk.

Das Centro Oberhausen ist das größte Einkaufszentrum Europas.

Sebastian Brodmann führt mit seinem Vater das Familienunternehmen Stiftsquelle.

Manufactum steht für Qualität, Nachhaltigkeit und traditionelles Handwerk.

Das Centro Oberhausen ist das größte Einkaufszentrum Europas.

Sebastian Brodmann führt mit seinem Vater das Familienunternehmen Stiftsquelle.

Kurze Wege im Ballungsraum

Was die Produktion betrifft, ist der Leitmarkt nachhaltiger Konsum in der Metropole Ruhr seit Jahren auf einem guten Weg. Ressourcen zu schonen hilft Kosten zu senken und das Image in der Öffentlichkeit zu verbessern. Die Stiftsquelle in Dorsten, ein Hersteller von Mineralwasser und Erfrischungsgetränken, setzt verstärkt auf Mehrwegglasflaschen, die bis zu 50-mal befüllt werden. „Unsere Produktionsanlagen betreiben wir überwiegend mit Erneuerbaren Energien und dem über unsere auf dem Dach betriebene Photovoltaik-Anlage selbstgenerierten Strom, so erzeugen wir circa ein Drittel des Jahresstroms selbst“, erläutern die Geschäftsführer Sebastian und Michael Brodmann. „Für den Transport unserer Ware setzen wir ausschließlich moderne Euro-Klasse 6-Fahrzeuge ein, diese sind freiwillig auf 82 Stundenkilometer begrenzt, um den Emissionsausstoß zu reduzieren. Anfallendes Regenwasser der Dachfläche versickert und geht nicht ins Abwasser, zusätzlich werden alle LKW mit Regenwasser gesäubert.“

Ein Standortvorteil der Metropole Ruhr sind auch die kurzen Wege in einem der größten Ballungsräume Europas: „Unser Vertriebsgebiet befindet sich zu 80 Prozent in einem Umkreis von 50 Kilometern“, sagen Sebastian und Michael Brodmann. „Die Region Ruhr bietet durch die gute logistische Anbindung an das Autobahnnetz sehr schnelle und zuverlässige Verbindungen direkt zu unserer Kundschaft. Es ist für uns ein großer Vorteil, dass unsere Mitarbeiter nicht durch lange Fahrtstrecken an den Arbeitsplatz zusätzlich belastet werden.“

Das Thema Mobilität bewegt auch einen anderen Hersteller im Bereich nachhaltiger Konsum: Seit 1989 – damals als 17-jähriger Jugend-forscht-Gewinner – bringt Marec Hase Muskelkraft per Liegerad auf die Straße. Sein 1994 gegründetes Unternehmen Hase Bikes beschäftigt heute 30 Mitarbeiter auf dem Gelände der Zeche Waltrop. Der Gründer, der inzwischen Diplom-Ingenieur ist, verkauft Spezialräder in alle Welt und ist mit Preisen für Design und grüne Mobilität dekoriert.

Belebende Konkurrenz

Für die wirtschaftliche Perspektive der Metropole Ruhr sind Einzelhandel und Konsumgüterhersteller von großer Bedeutung. Zumal der interne Wettbewerb belebend wirkt. „Die Städte stehen untereinander in Konkurrenz, wenn es um die Kaufkraft der Kunden geht“, sagt Professor Dr. Hendrik Schröder vom Lehrstuhl für Marketing und Handel der Universität Duisburg-Essen. Für eine Metropolregion mit 53 Städten bedeutet das, dass Einzelhandel und Konsumgüterhersteller sich immer wieder neu erfinden müssen, mit neuen Produkten und neuen Vertriebsstrategien – gut für die Verbraucher und gut für Unternehmen mit zündenden Ideen.

Christoph Stehr

Autor: Christoph Stehr

Christoph Stehr ist freier Wirtshaftsjournalist mit 20 jähriger Berufserfahrung: Er war unter anderem Redakteur beim Handelsblatt und stv. Chefredakteur Junge Karriere. Seit 2007 schreibt er selbstständig für den Spiegel-Verlag, WDR, Handelsblatt, Personalführung.

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