Echt smart

Die Metropole Ruhr hat das Zeug zur digitalen Musterregion Europas

Manfred vom Sondern ist ein bodenständiger Mensch. Seit Mai vergangenen Jahres ist der 54-Jährige erster „Chief Digitalization Officer“, kurz CDO, von Gelsenkirchen. Doch um seiner Mutter das neue Amt zu erklären, benutzt vom Sondern lieber den zweiten Titel auf seiner Visitenkarte: „Leiter Stabsstelle Vernetzte Stadt“. Nach fast zwei Jahrzehnten Berufserfahrung in Wirtschaftsförderung, IT und Statistik der Stadt Gelsenkirchen ist er bestens verdrahtet. Und so sieht sich der studierte Raumplaner vor allem als „Vermittler, der Institutionen, Firmen und Forschung zum Thema Digitalisierung miteinander vernetzt“. Seine wichtigsten Fragen: Wer macht was? Wo lassen sich Kräfte bündeln, in der Stadt und regional?“ Zum einen, um die Digitalisierung der Stadtverwaltung voranzutreiben. Zum anderen, um ein offenes Innovationslabor für die digitale Stadtentwicklung entstehen zu lassen.

Digitalisierung ist kein Selbstzweck, sondern Mittel zum Zweck. Und vielmehr gesellschaftliche als technische Innovation, denn sie macht Behördengänge überflüssig und Städte attraktiver. Mit Sensorik ausgestattet melden beispielsweise Abfallcontainer ihren Füllstand. Geleert wird dann nach Bedarf, das spart Kosten und verschönert das Stadtbild. Straßenlaternen, die sich energiesparend selbst dimmen sowie freien Parkraum melden, verringern die Zeit für die Parkplatzsuche – und damit Verkehr und Emissionen.

Für die zügige Umsetzung ihrer Digitalisierungspläne kommt der Stadt Gelsenkirchen ihre breite Glasfaserinfrastruktur zugute: Bereits mehr als 93 Prozent der Einwohner haben Internetzugang mit über 50 Megabits pro Sekunde, sämtliche Gewerbegebiete haben Netzzugang in Gigabit-Geschwindigkeit, alle 86 Gelsenkirchener Schulen ebenfalls. Außerdem bietet die Stadt bereits über 260 Hotspots mit freiem WLAN.

Das gute Netzwerk im doppelten Wortsinn hat Gelsenkirchen neben Aachen, Soest und Wuppertal die Auszeichnung als „digitale Modellkommune“ eingebracht: Mit 91 Millionen Euro bezuschusst das Land Nordrhein-Westfalen Vorreiterprojekte zur digitalen Stadtentwicklung in Bereichen wie Verwaltung, Mobilität, Energie, Bildung oder Gesundheit. Thomas König, im Landeswirtschaftsministerium in Düsseldorf für das Förderprogramm verantwortlich, lobt die „engagierten Partner“ sowie den „hohen Infrastrukturgrad“ der Stadt. „Beides zusammen macht Gelsenkirchen zum guten Zukunftsstandort mit Strahlkraft über die Stadtgrenzen hinaus“, betont König.

Denn mit Förderung der Modellkommunen sollten keine Inseln der Glückseligen entstehen. Technologien wie die Smartphone-Bürger-ID, die Gelsenkirchen zurzeit mit dem Institut für Internetsicherheit der Westfälischen Hochschule und dem Hightech-Start-up XignSys entwickelt, seien zügig auf andere Städte des Ruhrgebiets sowie landesweit übertragbar; im Kontakt mit ihrer Stadtverwaltung sollen Bürger künftig das Smartphone wie einen Personalausweis nutzen können. „Die Motivation zur interkommunalen Zusammenarbeit ist hoch“, stellt König fest.     

Digitalisierung wird Chefsache    

Wie Gelsenkirchen haben auch die anderen Städte der Metropolregion die Digitalisierung als wichtigen Standortfaktor erkannt – und zur Chefsache erklärt. Alle Kommunen haben entsprechende Stabsstellen mit Verantwortlichen eingerichtet, die sich regelmäßig austauschen und jeweils eigene Smart-City-Konzepte mit besonderen Akzenten ausrollen:

Duisburg hat für die Entwicklung zur digitalisierten Stadt eine strategische Zusammenarbeit mit dem Technologiekonzern Huawei vereinbart. Als „Gigabit City“ setzt Bochum auf ein flächendeckendes, leistungsfähiges Breitbandnetz zur Übertragung großer Datenmengen in Echtzeit. Essen nutzt rund zwei Millionen Euro aus dem Fördertopf des Bundes, um den Stadtverkehr zu digitalisieren; je nach Verkehrsaufkommen werden Ampelanlagen rechnergestützt gesteuert, für weniger Stau und bessere Luft.

Um mit den Besten zu lernen, haben Gründer in Mülheim die digitale Plattform „bee smart city“ entwickelt, die einen Überblick über erfolgreiche Smart-City-Lösungen bietet. Die ehemalige Zechenstadt Bottrop entwickelt sich zum Vorreiter für den Klimaschutz: Dank neuester Technologien produzieren Gebäude mehr Energie, als sie verbrauchen. Dortmund, mit über 1.000 Digital-Unternehmen und rund 14.000 Beschäftigten in der Branche bereits digitale Hochburg, hat die „Allianz Smart City“ gegründet. Unternehmen und Wissenschaft erschließen hier gemeinsam neue Technologien und Geschäftsfelder. Ein Schwerpunkt ist dabei die Förderung der Elektromobilität. Bei dem Projekt „Puls“ beispielsweise sollen zeitweise ungenutzte Stellflächen wie Parkplätze in Hinterhöfen als Ladestationen für Elektro-Autos dienen. Für insgesamt 25 solcher Leuchtturmprojekte stellt Dortmund seine Infrastruktur zur Verfügung.

Zwar brauche jede Stadt im Ruhrgebiet ihr eigenes System, sagt Jan Fritz Rettberg, erster „Chief Innovation Officer“ von Dortmund. Aber: „Digitalisierung hört nicht an der eigenen Stadtgrenze auf.“ Die eng beieinander liegenden Großstädte erforderten es, immer auch die Schnittstellen zum Nachbarn mitzudenken, beispielsweise beim Verkehrsmanagement. „Das unterscheidet die Metropolregion von anderen Großstädten und macht sie als Reallabor für Unternehmen und Start-ups so spannend“, sagt Rettberg.

Manfred vom Sondern ist „Chief Digitalization Officer“, kurz CDO, von Gelsenkirchen

Das Start-up Zolitron Technology aus Bochum

Der ruhr:HUB ist die zentrale Plattform für die Digitalisierung der Wirtschaft in der Metropole Ruhr

Manfred vom Sondern ist „Chief Digitalization Officer“, kurz CDO, von Gelsenkirchen

Das Start-up Zolitron Technology aus Bochum

Der ruhr:HUB ist die zentrale Plattform für die Digitalisierung der Wirtschaft in der Metropole Ruhr

Studie: Metropole Ruhr bei Digitalisierung weit vorne

Mit über fünf Millionen Einwohnern eines der größten europäischen Ballungszentren, punktet die Metropole Ruhr als städteübergreifende Smart City. Und hat gute Voraussetzungen, sich als digitale Musterregion zu profilieren. Das belegt eine aktuelle Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW). „Wenn eine Region und ihre Wirtschaft bei der Digitalisierung vorne dabei sind, sagt das viel über ihre Zukunftsfähigkeit aus“, erklärt Klaus-Heiner Röhl, Leiter der Studie „Die Zukunft des Ruhrgebiets“. Für den regionalen Vergleich hat das IW einen Digitalisierungsindex entwickelt: Demnach übertrifft die Metropolregion den deutschlandweiten Digitalisierungsgrad um 17 Prozent. Außerdem besitzt das Ruhrgebiet als urbane Region einen Vorsprung bei der digitalen Infrastruktur. Zuletzt hatten hier fast 85 Prozent aller Haushalte einen Breitbandanschluss, im Bundesschnitt waren es nur 76 Prozent.

Darüber hinaus nennt die Studie Potenziale, die die Metropole Ruhr weiter ausschöpfen kann:
Die Ruhr-Uni Bochum ist größte Ausbildungsstätte für Cyber-Sicherheit in Europa, Dortmund Deutschlands größter IT-Ausbildungsstandort. Darüber hinaus sorgen außeruniversitäre Forschungseinrichtungen wie das Fraunhofer Institut für Software- und Systemtechnik in Dortmund für international führende Fachkompetenz. Der Nährboden für eine digitale Gründerkultur ist damit günstig. „Wir sehen ein leichtes Aufholen des Ruhrgebiets, besonders bei wertschöpfungsstarken Gründungen im Hightech-Bereich oder Gründungen, die digitale Technologien einsetzen“, sagt IW-Wissenschaftler Röhl.

Arndt-Hendrik Zinn, Gründer von Zolitron Technology, hat Maschinenbau an der Ruhr-Uni Bochum und an der amerikanischen Harvard Universität studiert. Geschäftskern des Start-ups auf dem Bochumer Hochschulcampus: eine energieautarke Sensorplattform, die große Datenmengen mit Hilfe künstlicher Intelligenz auswertet und zum Beispiel den Füllstand von Abfallsystemen überwacht. Zinn schwärmt nicht nur als bekennender Lokalpatriot vom „wunderbaren Ruhrvalley“. Seine mittlerweile 20 Mitarbeiter sind allesamt Absolventen der regionalen Hochschulen. „Außerdem haben wir hier die großen Industriekunden, die wir brauchen, beispielsweise aus Kreislaufwirtschaft oder Logistik“, sagt der 29-Jährige.

Start-up profitiert von Konzern und umgekehrt

Als zentrale Anlaufstelle für die digitale Wirtschaft in der Metropolregion unterstützt der „ruhr:HUB“ Wettbewerbe, bei denen etablierte Unternehmen Fragestellungen rund um ihre digitalen Herausforderungen ausschreiben. Start-ups bewerben sich mit ihren Lösungen. „Beyond Conventions“ heißt eine Großveranstaltung dieser Art, an der sich neben ThyssenKrupp auch Aldi Süd, Siemens und Haniel, innogy, Open Grid Europe und die Emschergenossenschaft beteiligen. „Daraus sind viele konkrete Kooperationen entstanden“, sagt Sabine Rottmann, Projektleiterin beim „ruhr:HUB“ in Essen.

Nicht zuletzt sei die Metropolregion auch wegen bezahlbarer  Immobilienpreise bei Gründern beliebt. Auf ehemaligen Zechengeländen (Zollverein Essen) oder Industrieflächen (Opel-Gelände Bochum) sind moderne Arbeitsstätten entstanden. Auch in Gelsenkirchens Kreativ-Quartier Ückendorf siedeln sich zunehmend Digitalschmieden an.

 „Wir sind als smarte Stadt noch lange nicht fertig“, betont Gelsenkirchens CDO vom Sondern, „das sind viele kleine Entwicklungsschritte.“ Ohnehin hält vom Sondern nichts von „harten Brüchen“. Auch neue Technologien knüpften bestenfalls an Bestehendes an und vollzögen sich allmählich – zum konkreten Vorteil der Nutzer. Vom Sondern nennt dafür gerne ein einfaches Beispiel: „Niemals“ wollte seine 82-jährige Mutter ein Smartphone haben, Whatsapp schon gar nicht. Aber gerne die Möglichkeit, immer mit der Familie verbunden zu sein. Piept heute das Smartphone von Oma Ingrid, ist sie gleich zur Stelle: „Mal sehen, was die Kinder schicken.“

Liane Borghardt

Autor: Liane Borghardt

Liane Borghardt arbeitet als freie Autorin für Magazine, Stiftungen und Unternehmen. Zu ihren Schwerpunkten zählen unter anderem Bildungs- und Personalthemen. Zuvor war sie Redakteurin bei der WirtschaftsWoche.