„Think big!“

Mit Kleinigkeiten hält Uta Hohn sich nicht auf. Sie denkt in großen Dimensionen. Anders ist es auch nicht vorstellbar bei einer Metropolenforscherin, die sich mit den Megacitys und Agglomerationen der Welt beschäftigt. Darunter auch die Metropole Ruhr.

Wir treffen die Professorin auf dem Campus der Ruhr-Universität Bochum, wo sie den Lehrstuhl für Internationale Stadt- und Metropolenentwicklung bekleidet und als Prorektorin für Planung und Struktur Verantwortung trägt. Beim Gang über die bollernden Bodenplatten des Campus, die gleichzeitig das Dach der Uni-Tiefgarage bilden, erzählt sie davon, dass sie die Uni gerne über eine Seilbahn an Mark 51°7, den neuen Wissenschafts- und Technologiecampus auf der ehemaligen Opel-Fläche, sowie an den Bahnhof Langendreer-West und den Kemnader See anbinden würde: „Das wäre schon mal ein Element in einem ökologisch nachhaltigen Smart-Mobility-Konzept.“  

„Think big“ gilt bei Uta Hohn auch, wenn es um die Entwicklung der Metropole Ruhr geht. Nach der Internationalen Bauausstellung Emscherpark 1989–1999 und der Kulturhauptstadt 2010 sieht die Wissenschaftlerin in einem Dekadenprojekt „Innovation Ruhr 2030“ die Chance, die Region als Innovationsraum mit internationaler Strahlkraft zu positionieren, in dem Lösungen für die großen urbanen Herausforderungen erarbeitet und umgesetzt werden.

Ein solches Dekadenprojekt, denkt sie, könne als Leitprojekt im Rahmen der Ruhrkonferenz realisiert werden: „Die Idee ist, dass wir im Ruhrgebiet am Anfang eines neuen Zeitalters und einer neuen Gründerzeit stehen. Neue Ressourcen sind Bildung und Wissenschaft, Daten und Künstliche Intelligenz. Es geht darum, einen eigenen Weg zur ,Smart Cities Region Ruhr‘ einzuschlagen mit der Positionierung als Silicon Economy, mit neuer Mobilität, einer Energiewende und Smart Living.“ Wichtig sei dabei, den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu bewahren und Teilhabe zu ermöglichen: „Die Menschen in der Region können selbstbewusst an die neuen Aufgaben herangehen, denn sie haben bereits gezeigt, dass sie Herausforderungen des Strukturwandels erfolgreich meistern können.“ Stolz sein könne die Region auf vieles: „Der Umbau des Emschersystems nähert sich seinem Ende, wir haben tolle neue Wissenschafts- und Technologiequartiere, wir nehmen uns als Wissensmetropole wahr.“

Eine Vision für die Metropole Ruhr

Jetzt aber sei es an der Zeit, eine Vision dafür zu entwickeln, wo die Metropole Ruhr im Jahr 2030 stehen kann. „Man braucht dafür ein Format, das die meisten Menschen in der Region mitnimmt, ihnen eine Selbstwirksamkeitserfahrung ermöglicht und gleichzeitig eine hohe Sichtbarkeit entfaltet, so dass wir international als Innovationsregion stärker wahrgenommen werden.“ Die Visionärin ist überzeugt: „Da kann was richtig Großes draus werden!“

Uta Hohn ist keine Träumerin. Sie hat hat glasklare Vorstellungen davon, wie das Ziel einer „Innovation Expo Ruhr 2030“ in Schritten erreicht werden kann: Wenn 2020 der Regionalverband Ruhr 100 Jahre alt werde und gleichzeitig die Menschen in der Metropole Ruhr zum ersten Mal direkt das Ruhrparlament wählen, sei das eine tolle Gelegenheit für eine große Auftaktveranstaltung: „Vielleicht verbinden wir das im Jahr der deutschen EU-Ratspräsidentschaft sogar mit einer Ruhr-Charta, die als Nachfolgerin der Leipzig-Charta von 2007 neue Leitlinien für die Stadtpolitik in Europa formuliert.“

Die Entwicklung von Metropolen ist seit Jahren das Forschungsgebiet der Professorin. Dabei ist dies eigentlich nicht eine einzelne Disziplin, sondern eine interdisziplinäre Angelegenheit. Weil die Herausforderungen so vielfältig sind, gesellen sich hier Geographen und Raumplaner wie Hohn zusammen mit Politologen, Soziologen, Umwelt-, Energie-, Verkehrs- und Wirtschaftswissenschaftlern, Bauingenieuren, Architekten, Historikern, Psychologen und etlichen anderen Fachleuten.

Gemeinsame Forschung von 100 Wissenschaftlern vor Ort

In der Metropole Ruhr nahm der Entwicklungspfad dieses Kompetenzfelds schon um 2005 seinen Anfang. Damals gründeten die Fakultät Raumplanung der TU Dortmund, das Geographische Institut der RUB und das Institut für Landes- und Stadtentwicklungsforschung (ILS) in Dortmund einen ersten Dreierverbund. „Wir haben damals schon erkannt, dass wir als Wissenschaftler viel mehr erreichen können, wenn wir uns zusammenschließen, zum Beispiel bei der Beantragung von Forschungsprojekten und bei der internationalen Vernetzung.“ Mit der Anerkennung als Kompetenzfeld der Universitätsallianz Ruhr im Sommer 2017 nahm die Metropolenforschung dann weiter Fahrt auf, Forscher der Universität Duisburg-Essen, vor allem aus den Gebieten urbane Systeme, Wasserwirtschaft und Mobilitätsforschung, schlossen sich an.

Uta Hohn ist zusammen mit ihren Kollegen Thorsten Wiechmann von der TU Dortmund und Jens Gurr von der Universität Duisburg-Essen Sprecherin des Kompetenzfelds Metropolenforschung. Zu diesem fühlen sich über 100 Wissenschaftler der Metropole Ruhr zugehörig, die in derzeit acht Forschungsfeldern zusammenarbeiten. Einige von ihnen betreiben Grundlagenforschung, andere anwendungsorientierte oder sogar transformative Forschung, die darauf angelegt ist, unmittelbare Veränderungen herbeizuführen und Politikberatung zu machen. Kooperationspartner des Kompetenzfelds sind zum einen Verbände wie die Emschergenossenschaft, der Regionalverband Ruhr und der Verkehrsverbund Rhein-Ruhr, zum anderen Wissenschaftler aus außeruniversitären Forschungsinstituten und Hochschulen.

Inzwischen konnten unter dem Dach des Kompetenzfelds erste Verbundforschungsprojekte eingeworben werden: So wurden 2018 von der Volkswagen-Stiftung das Promotions-Forschungskolleg „Scripts for Postindustrial Urban Futures: American Models, Transatlantic Interventions“ und im Mai 2019 das DFG-Graduiertenkolleg „Regionale Ungleichheit und Wirtschaftspolitik“ bewilligt. Und auch Hohn selbst ist mit Kollegen aus Dortmund in der Endrunde für ein DFG-Graduiertenkolleg zur „Transformation polyzentraler Metropolräume“.

Metropole Ruhr im internationalen Vergleich

Ein solcher „polyzentraler Metropolraum“ ist auch die Metropole Ruhr mit ihren 53 Kommunen – im Gegensatz zu monozentrischen Metropolen wie London oder Paris. Den sozialen, ökonomischen und institutionellen Wandel im Metropolraum Rhein-Ruhr wollen Hohn und neun Kollegen in diesem Graduiertenkolleg über viereinhalb Jahre zusammen mit 35 Doktoranden erforschen. Und dies im Vergleich mit anderen Metropolräumen: „Wir wollen das Ruhrgebiet vergleichen mit dem Metropolraum Nordwestengland, zu dem Manchester und Liverpool gehören, sowie mit dem Metropolraum Kansai in Japan mit seinen Kernstädten Osaka, Kyoto, Kobe und Sakai.“ Alle drei Regionen haben Prozesse der Deindustrialisierung durchlaufen und positionieren sich neu im globalen Wettbewerb.

Aus jahrelanger eigener Forschungserfahrung in Japan weiß Hohn: „Dort wird der Strukturwandel politisch zentral und in enger Abstimmung mit der Wirtschaft gesteuert. Das geschieht unter anderem im Rahmen einer extremen Deregulierungspolitik und der Ausweisung von Sonderwirtschaftszonen, in denen Planungsrecht außer Kraft gesetzt wird, um schnell agieren zu können.“

Konzentrationsräume für Kultur, Innovation und Wissenschaft

Eine Metropole, erläutert die Wissenschaftlerin, sei zunächst einmal eine Konstruktion von Raum. Sie kann definiert werden über die Größe mit einer Mindestzahl und -dichte an Einwohnern in Verbindung mit einer Konzentration metropolitaner Leitfunktionen. „In diesen Agglomerationen mit mehreren Millionen Einwohnern konzentrieren sich Headquarters internationaler Unternehmen und politische Instanzen, häufig sind sie Sitz von Regierungen.“ Darüber hinaus sind Metropolen Konzentrationsräume für Kultur, für Innovation, Wissenschaft und Kreativität. Wichtig, sagt Hohn, sei die „Gateway-Funktion“ von Metropolen: „Die haben die großen internationalen Flughäfen, hier konzentrieren sich Zugverbindungen, hier sind die großen Häfen, denn viele Metropolen haben eine Wasserlage.“ Vor allen Dingen hätten Metropolen aber auch Symbolfunktion: „Über sie generiert man Nationalstolz oder regionalen Stolz, zu dem auch architektonische Highlights und Landmarken beitragen.“

Dass das Ruhrgebiet zusammen mit den Städten der Rheinschiene und dem Bergischen Städtedreieck von der Ministerkonferenz für Raumordnung zur Europäischen Metropolregion Rhein-Ruhr erklärt wurde, erzählt Hohn, gehe zurück auf das Jahr 1995 und in eine Zeit, als der Städtewettbewerb sich nach der Wiedervereinigung und mit der Globalisierung zunehmend verschärfte. „Da musste man sich ökonomisch positionieren, denn eine einzelne Stadt mit 300.000 oder selbst 500.000 Einwohnern wird in den internationalen Rankings nicht sichtbar. Also braucht man eine Metropolregion.“ Die Landesregierung NRW hat dann 1995 die Metropolregion Rhein-Ruhr auch im Landesentwicklungsplan als landesplanerisches Ziel verankert. Im aktuellen Plan ist jedoch nur noch vom Europäischen Metropolraum NRW die Rede, in dem die Metropole Ruhr und die Metropolregion Rheinland je eigene Kooperationsräume bilden.

Mit Rhein-Ruhr sprang die Einwohnerzahl seinerzeit über die Zehn-Millionen-Grenze und die Region wurde dadurch in den Statistiken der UN als Megacity ausgewiesen. Hohn: „Das hat den Vorteil der Sichtbarkeit. Wenn etwa ein chinesischer Investor auf Europa guckt, nimmt er zunächst Metropolregionen und nicht einzelne Städte wahr.“

Was die Metropolenforschung interessiert, ist der Wandel, der in diesen Metropolräumen vonstattengeht: „Einerseits gibt es die großen Treiber metropolitaner Transformation wie die Globalisierung, die Digitalisierung, den demographischen Wandel und die Migrationsprozesse. Auf der anderen Seite fragt man sich, wie man das steuern kann, damit das Ganze nachhaltig, sozial und ökologisch ist.“ Wo viele Menschen zusammenkämen und Zuwanderung stattfinde, stelle sich immer die Frage des gesellschaftlichen Zusammenhalts.

Gestaltung des Wandels durch Strukturpolitik

Nicht immer sind Metropolen wachsende Regionen, denn bisweilen gibt es Überalterungsprozesse oder sogar Schrumpfungsprobleme aufgrund von Deindustrialisierung wie im amerikanischen Rustbelt, der Region südlich der Großen Seen mit Chicago, Detroit, Cincinnati und Pittsburgh. „In solchen Regionen muss verhindert werden, dass ein Fahrstuhleffekt nach unten auftritt: Da stellt sich schnell die Frage, wer bleibt und wer geht und wer erst gar nicht mehr kommt. Die Gefahr ist, dass die gut Ausgebildeten weggehen.“

Durch aktive Strukturpolitik lassen sich Schrumpfungsprozesse aber auch aufhalten oder sogar umkehren. Die Digitalisierung habe zudem nicht – wie von manchen Experten vorausgesagt – dazu geführt, dass Metropolen nicht mehr gebraucht würden: „Direkte, persönliche Kontakte zwischen Menschen sind in einer Wissensökonomie sehr wichtig. Gut ausgebildete Menschen suchen diese persönlichen Beziehungen, ebenso wie Kultur, Theater und Konzerte.“

In der Metropole Ruhr sei es ein Segen, dass so viele Hochschulen gegründet wurden: „Das ist ganz aktive Strukturpolitik, weil die neue Ressource Wissen ist.“ Jetzt gehe es darum, ein „sticky place“ zu werden, an dem die Studierenden und Wissenschaftler auch bleiben wollen: „Dabei sind Arbeitsplätze das eine, aber auch die Lebensqualität gehört dazu.“ Und da habe die Ruhrregion eine Menge mehr zu bieten, als viele annähmen. Besonderes Potenzial habe das Ruhrgebiet durch die bereits bestehende und noch weiter zu unterstützende Vernetzung zwischen Hochschulen, größeren Unternehmen und Start-ups.

 

Annette Eicker

Annette Eicker

Annette Eicker ist Volkswirtin und Wirtschaftsjournalistin. Als Chefredakteurin hat sie bei der Verlagsgruppe Handelsblatt ein crossmediales Publikations-Portfolio zum Marktführer aufgebaut. Heute ist sie als Kommunikationsberaterin tätig und betreibt mit dem Unternehmen matchboxmedia in Düsseldorf zwei News-Portale für akademische Jobsuchende.