„Unsere Hochschulen bilden die Wirtschaft der nächsten 30, 40 Jahre aus“

Die Metropole Ruhr hat sich rasant zur beliebten Studentenhochburg entwickelt. Einer dichten Hochschullandschaft mit breitem Angebot und Kooperationen zwischen Wissenschaft und Wirtschaft sei Dank.

Florian Baum, Student und Gründer, will das Ruhrgebiet bewegen. Genauer gesagt Tausende von Wissensarbeitern, die im Alltag zu viel sitzen. „10.000 Schritte täglich bringen gesundheitliche Effekte“, weiß Baum, „aber der durchschnittliche Angestellte legt nicht mal halb so viel zurück.“ Deshalb widmet der 26-Jährige sich mit seinem Start-up dem betrieblichen Gesundheitsmanagement. „Klingt unsexy“, sagt Baum und lacht. Doch mit der App Spoins – einer Wortschöpfung aus Sport und dem englischen Wort für Münzen (coins) – bietet er Unternehmen eine entstaubte Lösung: digital, ohne Zeitaufwand für Personaler, dafür mit Erfolgsprämien für Mitarbeiter, die es am Tag auf 10.000 Schritte, rund sieben Kilometer, bringen.

Seine Geschäftsidee entwickelt Baum im neuen Master-Studiengang „Innopreneurship“ an der Universität Duisburg-Essen weiter. In vier Semestern erwerben hier Ökonomen, Ingenieure, Informatiker, Geistes- und Sozialwissenschaftler unternehmerisches Wissen, um tragfähige Produkte und Dienstleistungen auf den Markt zu bringen. Der Berliner Gründungspionier und Professor Günter Faltin lobt das Konzept als „zurzeit bestes im Bereich Entrepreneurship und Innovation“.                  

Nichts, was man hier nicht studieren könnte

Das Ruhrgebiet punktet mit seiner großen Hochschuldichte und einem entsprechend breiten Angebot: Von der großen forschungsstarken Universität bis zur kleinen praxisorientierten, spezialisierten Fachhochschule sind hier sämtliche Hochschultypen vertreten. Nichts, was man nicht studieren könnte. Vier Universitäten, eine Kunsthochschule und 17 Fachhochschulen bieten mehr als 1.000 verschiedene Studiengänge an. Von Informatik an der Universität Duisburg-Essen oder BWL an der FH Dortmund bis hin zu Schauspiel an der Essener Folkwang Uni oder Hebammenkunde an der Bochumer Hochschule für Gesundheit.

Außerdem ziehen die Vorzüge einer Metropolregion wie Infrastruktur, Kultur- und Freizeitangebot plus vielfältige Jobchancen zunehmend wissenschaftlichen Nachwuchs an: Inzwischen zählt die Metropole Ruhr mehr Studenten als Berlin; über 270.000 angehende Akademiker waren zuletzt an einer der 22 Hochschulen eingeschrieben – ein neuer Rekord. Hinzu kommt eine starke außeruniversitäre Forschung. Vier Fraunhofer- und drei Max-Planck-Institute sowie die Leibnizgemeinschaft mit vier renommierten Einrichtungen haben sich im Ruhrgebiet angesiedelt.

Damit ist die Metropole Ruhr zu einer der größten Wissenschaftsregionen Deutschlands und Europas geworden. Ein großer Standortvorteil für Unternehmen, die Wissensarbeiter für morgen suchen: Neben den fünf börsennotierten Konzernen Thyssenkrupp, RWE, Eon, Evonik und Hochtief sind hier sehr umsatzstarke Großunternehmen, zum Beispiel aus Handel und Logistik, beheimatet. Aber auch viele kleine Unternehmen sind eng mit den Hochschulen verflochten. Allein im Technologiepark Dortmund haben sich rund 300 Unternehmen aus IT, Nanotechnologie und Medizintechnik mit über 10.000 Mitarbeitern angesiedelt; darunter viele Ausgründungen aus Hochschulen.

Schwerpunkt auf den MINT-Fächern

„Unsere Hochschulen bilden die Wirtschaft der nächsten 30, 40 Jahre aus. Deshalb ist es wichtig, dass wir im Ruhrgebiet ein breites Fächerspektrum mit einem naturwissenschaftlich-technischen Schwerpunkt haben“, sagt der Wissenschaftsberater und ehemalige Rektor der TU Dortmund Detlef Müller-Böling.

In gerade mal fünf Jahrzehnten hat sich ein eindrucksvoller Strukturwandel vollzogen – historisch betrachtet rasant. „Früher lagen die Ressourcen im Ruhrgebiet unter der Erde. Heute liegen sie zwischen den Ohren“, sagt Müller-Böling. Anschaulicher Vergleich: War in Bochum einst Autobauer Opel größter Arbeitgeber, ist es nun die Ruhr-Uni mit rund 5.700 Beschäftigten.

Zoom zurück in die 60er Jahre. Im Kohle- und Stahlrevier ohne jegliche Bildungstradition wirkt noch die überlieferte Ansage Kaiser Wilhelms II.: Im Ruhrgebiet solle es weder Kasernen noch Universitäten geben. Sprich nichts, was von der harten „Maloche“ ablenken könnte. Anno 1962 wird dann mit Gründung der Ruhr-Uni in Bochum der Strukturwandel eingeleitet. Statt Kohle soll nun Erkenntnis gefördert werden. In Deutschland boomt die Bildung, zahlreiche Neugründungen sind die Folge. 1968 nimmt die TU Dortmund ihren Lehrbetrieb auf. Vier Jahre später folgen Duisburg und Essen, damals noch als getrennte Gesamthochschulen.

In der jungen, schnell wachsenden Hochschullandschaft des Ruhrgebiets stechen viele Besonderheiten hervor: Über die nationalen Grenzen hinaus angesehen, erhält die Folkwang Universität der Künste in Essen 1963 den Hochschulstatus. Die FernUniversität in Hagen ist 1974 die erste staatliche und heute bundesweit größte Fern-Uni. Anfang der 80er Jahre entsteht mit der Universität Witten-Herdecke die erste deutsche Privathochschule.

Sehr praxisorientierte Angebote

„Bis heute ist der Wandel im Ruhrgebiet überall sichtbar“, sagt Frank Ziegele, Geschäftsführer des Centrums für Hochschulentwicklung (CHE) in Gütersloh. Allein im vergangenen Jahrzehnt sind in der Region sechs neue Hochschulen hinzugekommen. „Teilweise mit sehr praxisorientierten Angeboten im MINT-Bereich. Oder als Pionier, wie zum Beispiel die erste staatliche Hochschule für Gesundheit in Bochum“, sagt Ziegele. Daneben fallen die vielen innovativen Studienangebote auf, unter anderem in den Bereichen IT, Umwelttechnologie, Logistik, Medizin und Gesundheit. „So ist der Wissenschaftsstandort mit vielen unterschiedlichen Hochschulprofilen nicht nur sehr ausdifferenziert, sondern auch in Bewegung“, sagt CHE-Chef Ziegele.

Ebenso wichtig für eine lebendige Hochschullandschaft: Kooperationen, die Mehrwert für Forschung und Lehre bringen. In der Universitätsallianz Ruhr (UA Ruhr) haben sich die großen drei vor gut zehn Jahren mit ihren spezifischen Stärken zusammengetan: Die Ruhr-Uni Bochum als größte Ausbildungsstätte für IT-Sicherheit in Europa, die TU Dortmund, federführend im Bereich Logistik, sowie die Uni Duisburg-Essen, renommiert in der Nanotechnologie.

Breites Fächerangebot durch Kooperation

Rund 14.000 Wissenschaftler zählt das Bündnis insgesamt, ungefähr die Hälfte aller Studenten der Metropole Ruhr ist an einer der Partnerhochschulen eingeschrieben. Dank der Kooperation können sie zahlreiche Fächer kombinieren oder Lehrveranstaltungen aller drei Unis belegen, ohne die übliche Zweithörergebühr zu zahlen. „Ziel ist es nicht, unsere Studenten ständig pendeln zu lassen“, betont Hans Stallmann, Geschäftsführer der UA Ruhr. Vielmehr gehe es darum, „das jeweilige Angebot zu öffnen sowie die Möglichkeiten zur Spezialisierung zu erweitern“. So sind etwa die Master-Studiengänge Biodiversität und Medizinphysik gemeinsame Angebote der Allianz.

Ebenso profitieren Studenten von beinahe 100 gemeinsamen Forschungsprojekten an der Speerspitze. Ein glänzendes Beispiel aus der Lösungsmittelforschung: Das Forschungscluster „Ruhr explores Solvation“ wird in der Exzellenzstrategie des Bundes gefördert und führt regionale wie internationale Partner aus Wissenschaft und Wirtschaft zusammen. Der gemeinsamen Strahlkraft verdanken die drei Unis auch Kooperationen mit international angesehenen Hochschulen, in den USA beispielsweise mit Harvard und Princeton. „Das schafft ein Top-Umfeld für Studenten: zum einen intellektuell, zum anderen mit Blick auf den Arbeitsmarkt“, sagt Stallmann. Denn Arbeitgeber beobachteten genau, von welcher Hochschule Bewerber kämen.

Um die Zusammenarbeit mit der Wirtschaft noch weiter auszubauen, ist die Universitätsallianz auch Mitglied im Initiativkreis Ruhr. Hier haben sich rund 70 führende Unternehmen der Region zusammengeschlossen. In gemeinsamen Projekten treffen Forscher und Studenten auf Vorstände und Entwickler. „Damit wollen wir auch den Gründergeist in der Metropole Ruhr beflügeln“, erklärt Stallmann.                       

Ausgründungen werden gefördert

Allerorten floriert im Ruhrgebiet die Unterstützung von Start-ups, zum Beispiel durch eine verstärkte Zusammenarbeit der Hochschulen mit den Wirtschaftsförderungen sowie den Industrie- und Handelskammern. Das Kompetenzzentrum für Innovation und Unternehmensgründung an der Uni Duisburg-Essen etwa fördert Ausgründungen aus der Hochschule in allen Phasen, egal, ob es sich dabei um ein Hightechprodukt oder ein soziales Projekt handelt. Hier wird auch im zweiten Jahrgang der Master-Studiengang „Innopreneurship“ angeboten.

Florian Baum will sich nach dem BWL-Studium an der FH Dortmund eigentlich sofort selbstständig machen. Dann fällt ihm das Modulhandbuch des neuen Master-Programms in die Hände: „Keine graue Theorie, stattdessen viele Projektarbeiten und Exkursionen“, sagt er. So feilt er mit Hilfe zweier Essener Digital-Agenturen an seinem Geschäftskonzept; Foren wie die Digitale Woche in Dortmund nutzt er, um Unternehmen seine App für mehr Bewegung im Arbeitsalltag zu präsentieren. Als Gründer fühlt der gebürtige Westfale sich im Ruhrgebiet auch persönlich wohl: „Das Zusammengehörigkeitsgefühl in der Region ist ganz besonders“, sagt er.

Weitere Artikel

  • Die Stadt der Städte – ein exzellenter Forschungsstandort

    Die Universitätsallianz (UA Ruhr) bringt Hochschulen und Wirtschaft zusammen. Wir treffen Dr. Hans Stallmann,...

    Mehr erfahren

  • Lebendiger und jünger denn je: die Folkwang Universität der Künste

    Klavierklänge ertönen aus weit geöffneten Sprossenfenstern. Studenten beeilen sich, zu Workshops zu kommen...

    Mehr erfahren

  • Von Anfang an unternehmerisch unterwegs

    Der Studiengang E-Commerce an der Hochschule Ruhr West ist der einzige dieser Art im Westen Deutschlands....

    Mehr erfahren

  • Innovation meets Entrepreneurship

    An der Universität Duisburg-Essen (UDE) startet im Wintersemester 2018/2019 der zweite Jahrgang des bisher in...

    Mehr erfahren