Raum für Entfaltung

Fach- und Führungskräfte starten im Ruhrgebiet durch – oft im Anschluss an ein Studium. Viele Türen stehen offen, ob in Konzernen oder in Start-ups.

Der Absender war hochoffiziell. „Bundespräsidialamt, 11010 Berlin, Schloss Bellevue, Amtssitz des Bundespräsidenten“ stand auf dem Brief, den Kischog Thevatasan, Oberstufenschüler der Gesamtschule Duisburg-Meiderich, in den Händen hielt. Die Einladung zum jährlichen Bürgerfest des Bundespräsidenten hatte er der Initiative „Chance hoch 2“ zu verdanken, die Jugendliche aus Nichtakademiker-Familien mit und ohne Migrationshintergrund finanziell und durch Mentoring unterstützt, um ihnen ein Studium im Ruhrgebiet zu ermöglichen. Thevatasan war auf Vorschlag seiner Schule ausgewählt worden, weil er für ein Jugendprojekt arbeitete, das sich für eine gleichberechtigte Gesellschaft einsetzt. Inzwischen studiert er Wirtschaftsingenieurwesen an der Universität Duisburg-Essen – als einer von mehr als 270.000 jungen Menschen in der Metropole Ruhr, wo viele Karrieren im Hörsaal beginnen.

Die Wissensgesellschaft kommt

Thevatasan steuert auf eine Fach- oder Führungsposition in einem Unternehmen oder im öffentlichen Dienst zu. Wo genau, wird sich nach dem Master zeigen. Auf jeden Fall dürfte Thevatasan genügend Einstiegsmöglichkeiten in der Nachbarschaft vorfinden. Von den 179.925 offenen Stellen, die der Regionaldirektion NRW der Bundesagentur für Arbeit Ende Oktober 2018 gemeldet waren, entfielen 47.660 auf das Ruhrgebiet. 14,1 Prozent dieser Jobangebote richteten sich an „Spezialisten“ und „Experten“, entsprachen also dem Qualifikationsprofil von Hochschulabsolventen. Gegenüber dem Vorjahr nahm die Zahl hochkarätiger Offerten um 21,1 Prozent zu. Das war Rekord in NRW, wo sich das Angebot für Spezialisten und Experten bislang nur um durchschnittlich 6,6 Prozent ausgeweitet hatte. Gleichzeitig sank die Arbeitslosigkeit in der Metropole Ruhr überproportional: minus 17,8 Prozent hochqualifizierte Jobsuchende gegenüber landesweit minus 13,9 Prozent belegten den positiven Trend.

Die Montanindustrie hat ihre beherrschende Stellung im Jobmarkt für akademische Fachkräfte eingebüßt, auch wenn die Region Ruhr immer noch über wichtige industrielle Kerne in den Branchen Stahl, Energieerzeugung, Maschinen- und Anlagenbau verfügt. Heute birgt die Technologie- und Wissensgesellschaft das eindeutig größere Potenzial für Hochschulabsolventen. Vor allem die Branchen Information und Kommunikation stechen hervor: Sie meldeten Ende Oktober 2018 29,9 Prozent mehr offene Stellen als im Vorjahr. Landesweit betrug das Plus nur 12,1 Prozent. „Die Metropolregion Ruhr bietet zahlreiche Karrieremöglichkeiten bei Arbeitgebern vor allem aus dem Dienstleistungsbereich. Besonders der Handel, das Gesundheitswesen und die Logistik sind stark ausgeprägt. Für Beschäftigte ergeben sich hier sehr gute Karrierechancen“, sagt Torsten Withake, Geschäftsführer Arbeitsmarktmanagement der Regionaldirektion NRW der Bundesagentur für Arbeit.

Akademisches Ballungszentrum

22 Hochschulen und mehr als 60 außeruniversitäre Forschungseinrichtungen machen das Ruhrgebiet zum dichtesten akademischen Cluster in Europa. Entsprechend groß ist die Nachfrage von Unternehmen und öffentlichem Dienst nach Absolventen. Eine Auswertung der Jobsuchmaschine Indeed vom November 2018 für elf Ruhrgebietsstädte zeigt die lokalen Hotspots: In Dortmund richten sich 29 Prozent aller Stellenanzeigen an Akademiker, in Essen 24,3 Prozent und in Mülheim an der Ruhr 23,4 Prozent. Selbst das Schlusslicht dieses Rankings, Bottrop, kommt noch auf 10,8 Prozent. „Insgesamt gibt es über 1.000 Unternehmen und Betriebe im Ruhrgebiet, die derzeit Akademikerstellen anbieten“, sagt Annina Hering, Economist bei Indeed.

Ein Bachelor-, Master- oder Diplom-Abschluss öffnet viele Türen, aber genauso wichtig für das berufliche Fortkommen sind Weiterbildungsmöglichkeiten. Der vom Regionalverband Ruhr herausgegebene Bildungsbericht Ruhr erfasst rund 900 Anbieter in diesem Bereich. Jeder dritte Standort entfällt auf Dortmund, ebenfalls sehr präsent im Weiterbildungsmarkt ist Essen. Das Spektrum der Kurse und Lehrgänge reicht von beruflichen Zusatzabschlüssen über allgemeine Fach- bis Methoden- und persönliche Kompetenzen. Die 32 Volkshochschulen in der Region Ruhr – das entspricht einem Viertel aller Volkshochschulen in NRW – leisten einen wesentlichen Beitrag zum „lebenslangen Lernen“.

Berufsbegleitend studieren

Eine besondere Rolle spielt das berufsbegleitende Studium. Es gilt als sehr effektiv, weil die Studierenden bereits Praxiserfahrung haben und wissen, wie sie theoretisches Wissen am besten umsetzen können. Zu den bekanntesten Anbietern zählt die FOM Hochschule. „Die größte private Hochschule Deutschlands ist in der Metropolregion Ruhr gleich mit mehreren Hochschulzentren vertreten: in Essen, Duisburg, Dortmund, Bochum, Wesel und Hagen“, erläutert Thomas Kirschmeier von der FOM Hochschule. „Egal ob dual, neben der Ausbildung oder berufsbegleitend – mehr als 35 Bachelor- und Master-Studiengänge stehen hier zur Auswahl und ermöglichen den Absolventen den nächsten Schritt auf ihrer Karriereleiter.“

Als „eine der spannendsten Regionen weltweit“ bezeichnet Thomas Wessel, Personalvorstand und Arbeitsdirektor von Evonik in Essen, die Metropolregion Ruhr für Berufseinsteiger: „An kaum einem anderen Ort bieten sich so vielfältige Karrierechancen in Wirtschaft oder Forschung. Die Perspektiven, die sich jungen Menschen zum Beispiel bei Evonik als international tätigem Unternehmen eröffnen, sind vielfältig. So bieten wir etwa unseren Trainees zu einem sehr frühen Zeitpunkt internationale Stationen an. Talente und Nachwuchsführungskräfte fördern wir mit einem besonderen Augenmerk.“

Große Bühne für Gründer

Gute Entwicklungsmöglichkeiten – auch auf internationalem Parkett – bietet zudem die Start-up-Szene im Ruhrgebiet. Das zeigte im Herbst 2018 der Gründermarkt „International Day@Zollverein“, der von der IHK Essen / Mülheim an der Ruhr / Oberhausen organisiert wurde. 50 Start-ups aus 22 Ländern präsentierten Ideen zu Logistik, Mobilität, Versicherungstechnologie und Smart City. Die Gäste aus vier Kontinenten diskutierten die Themen Marktzugang, Finanzierung und Umgang mit Daten in Deutschland. Parallel fand der „Pitch Contest Logistics & Mobility“ statt, ein Gründerwettbewerb für Start-ups der Logistik- und Mobilitätsbranche.

„Mit beiden Veranstaltungen ist es gelungen, den Blick der ausländischen Start-ups auf Essen und das Ruhrgebiet als Anlaufpunkt für ihre Aktivitäten in Deutschland zu lenken“, sagt Dr. Gerald Püchel, Hauptgeschäftsführer der IHK Essen. „Durch die sehr gute Kooperation mit den regionalen Partnern wurde zudem das lokale Start-up-Ökosystem gestärkt.“ Dass die Metropole Ruhr ein fruchtbarer Boden für Unternehmensgründungen ist, belegt auch der „Deutsche Startup Monitor 2018“ der Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft KPMG: Mit 19 Prozent der bundesweiten Neugründungen hat NRW in Deutschland inzwischen die Nase vorn und damit den bisherigen Spitzenreiter Berlin (15,8 Prozent) überholt. Zu diesen 19 Prozent in NRW trägt die Metropole Ruhr mit 11,2 Prozent den Löwenanteil bei.

Bochum statt Berlin

Die E-Learning-Experten Stefan Peukert und Daniel Schütt entschieden sich Mitte September 2018 bewusst für Bochum als Standort ihres Start-ups Masterplan.com, das unter anderem einen Grundkurs zur Digitalisierung für Mitarbeiter von Kundenunternehmen entwickelt hat. „Nachdem wir bereits unser erstes Start-up Employour erfolgreich in Bochum gegründet und aufgebaut hatten, war es für uns klar, dass auch Masterplan.com im Ruhrgebiet Wurzeln schlagen soll“, sagt Peukert. „Mit einer Vielzahl an potenziellen Industriekunden und räumlichen Wachstumsmöglichkeiten sowie der Nähe zu diversen exzellenten Universitäten ist der Ballungsraum Ruhrgebiet für uns der optimale Standort.“

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