Metropole Ruhr: Boom der B2B-Start-up-Szene

Durchstarten sollen Start-ups schon allein kraft ihres Namens. Die technologieorientierten Gründungen treiben Innovationen mit frischen Ideen aus der Forschung und frei von Rücksichtnahme auf Hierarchien und Etats voran. Das fällt in der Metropole Ruhr auf fruchtbaren Boden. Die Region erlebt einen regelrechten Boom an Start-ups – vor allem im B2B-Bereich. Dafür gibt es gute Gründe.

Laut des „Startup Monitor für Nordrhein-Westfalen 2019“ machen in NRW ansässige Start-ups 73,4 Prozent ihres Umsatzes im B2B-Bereich, ein Wert, der deutlich über dem Bundesdurchschnitt von 67,7 Prozent liegt. Mit Köln und Düsseldorf bildet die Metropole Ruhr dabei das Herz der nordrhein-westfälischen Gründerszene. Dabei sieht sich fast die Hälfte der in der Studie befragten Unternehmen als Teil eines regionalen Clusters. Dieser Ortsbezug kommt besonders in der Metropole Ruhr zum Tragen. Hier liegen eine der dichtesten Hochschullandschaften Europas, Forschungsinstitute, Start-up-Center, Kunden und Märkte flächenmäßig nah beieinander. Es ist eine Region der kurzen Wege, in der sich Gleichgesinnte schnell treffen und austauschen können, um gemeinsam Ideen nach vorne zu bringen.

Starke Gründerszene

Auf dieser Grundlage hat sich in den vergangenen Jahren eine starke Szene mit 400 bis 500 Start-ups entwickelt, die auch durch bereits erfolgreiche Gründer als Mentoren und Rollenvorbilder getragen wird. Die Gründer finden gleich vor dem Werkstor oder der Bürotür einen Markt mit rund fünf Millionen Menschen und 155.000 Unternehmen – davon allein vier DAX-Unternehmen – mit einem Jahresumsatz von 338 Milliarden Euro.

Know-how der Region

In der Metropole Ruhr haben insbesondere B2B-Start-ups Zugang zu hochqualifizierten Facharbeitern. So hat die vor rund zehn Jahren gegründete Bochumer ingpuls GmbH recht problemlos unter anderem Stahlarbeiter gefunden, die die Fertigung ihrer innovativen Formgedächtnislegierungen im industriellen Maßstab entscheidend zum Erfolg führten. Auch das Unternehmen talpasolution nutzte das Know-how der Region: Es entwickelte mit dem Wissen aus dem Bergbau eine Telematik-Lösung, mit deren Hilfe sich die Wartung von Lastwagen vereinfachen lässt. Kostspielige Ausfälle werden vermieden. Unterstützt wird das Essener Start-up von dem gemeinsam von NRW.BANK und Initiativkreis Ruhr ins Leben gerufenen Gründerfonds mit 1,5 Millionen Euro Eigenkapital. Der Fonds stellt insgesamt 30 Millionen Euro für direkte Start-up-Investitionen zur Verfügung.

Excellence-Start-up-Center

Die Talente werden an den Hochschulen der Region gefördert. Diese legen einen immer stärkeren Fokus auf die Entrepreneurship-Ausbildung und unterstützen Gründungsvorhaben. So beschäftigen sich zum Beispiel die TU Dortmund sowie die Ruhr-Universität Bochum intensiv mit der Etablierung von sogenannten Excellence-Start-up-Centern, um den Transfer von Forschung in Gründungen massiv auszubauen. Darüber hinaus unterstützen etablierte Formate wie der Senkrechtstarterwettbewerb oder Start-to-grow die Entwicklung der Szene.

Challenges für Start-ups

Eine wachsende Rolle spielen auch Wettbewerbe von regionalen großen Unternehmen oder Institutionen, die sich von Start-ups Unterstützung bei Innovationsthemen und Transformationsprozessen holen. Bei der Beyond Conventions im Februar 2019 haben unter anderem thyssenkrupp, Aldi Süd und die Emschergenossenschaft ihre konkreten digitalen Herausforderungen definiert. Auf diese sogenannten Challenges haben sich Start-ups von allen fünf Kontinenten mit ihren individuellen Lösungen beworben. Am Ende standen 22 Siegerteams fest, die mittlerweile über 30 Pilotprojekte gestartet haben. Dabei münzen die Start-ups ihren vermeintlichen Nachteil – ihre fehlenden Ressourcen und Mittel – in einen Vorteil um: Sie können ohne „alte Zöpfe“ kreative Lösungen schaffen, fernab von politischen Grabenkämpfen und Grundsatzentscheidungen.

IndustrialTech

Der Boom der B2B-Start-ups in der Metropole Ruhr wird getragen von IndustrialTech. Hierunter fallen technische Lösungen in den Bereichen Augmented und Virtual Reality, Business Intelligence, Artifical Intelligence, Sensorik und Robotik. Zu den Innovatoren gehört beispielsweise Motion Miners, eine Ausgründung des Fraunhofer-Instituts für Materialfluss und Logistik (IML). Mit mobilen Sensoren und Kleinstfunksendern deckt das Start-up Verbesserungspotenziale von manuellen Arbeitsprozessen der Industrie 4.0 auf. Oder Ruhrbotics, ein Start-up, das Software und Softwarestandards für Industrieroboter entwickelt, die die Produktivität und Effizienz steigern. Zu dem wachsenden Bereich der GreenTech gehört Novihum Technologies. Das Start-up stellt ein Granulat auf Braunkohlebasis im industriellen Maßstab her, mit dem sich selbst auf kargen Böden noch gute landwirtschaftliche Erträge erzielen lassen.

Cyber Security

Ein starkes Cluster für B2B-Start-ups der Metropole Ruhr ist auch die Cyber Security. So entstand im Umfeld der Ruhr-Universität Bochum ein deutschlandweit einzigartiges Zentrum für Cybersicherheit. Der Inkubator Cube 5 am Horst-Görtz-Institut für IT-Sicherheit hat bereits zahlreiche Start-ups auf dem Gebiet der Cyber Security hervorgebracht. Auch das 2017 eröffnete Center for Advanced Internet Studies (CAIS), das zu unterschiedlichsten gesellschaftlichen Aspekten der Digitalisierung forscht, hat seinen Sitz in Bochum. Dazu kommt künftig noch das geplante Max-Planck-Institut für Cybersicherheit und Schutz der Privatsphäre, das in Bochum auf internationalem Spitzenniveau Grundlagenforschung zu Cybersicherheit, Kryptografie, IT-Systemsicherheit sowie zu rechtlichen, ökonomischen und sozialen Aspekten von Sicherheit und Privatsphäre leisten will. Zu den ausgezeichneten Start-ups zählt hier Physec, das mit seiner Verschlüsselung für Sicherheit im Internet der Dinge sorgt. Die Gründung aus Bochum wurde 2018 vom Bundesminister für Wirtschaft und Energie als „Digitales Start-up des Jahres“ geehrt. An Unternehmen, die sich für die Digitalisierung und IT-Sicherheit fit machen wollen, richtet sich das Angebot von Masterplan.com. Ende 2018 haben Investoren sechs Millionen Euro in das vielversprechende B2B-Projekt gesteckt.

Health

Ein weiterer starker Bereich für die Start-ups ist in der Metropole Ruhr der Gesundheitsmarkt. Hier sind mit opta data und Bitmarck nicht nur zwei Schwergewichte im Bereich Gesundheitsdaten ansässig, sondern die Region verfügt auch über zahlreiche Kliniken, die ein großes Interesse an Kooperationen mit Start-ups haben. Zu den Start-ups gehört fasciotens aus Essen, das eine innovative Therapie für Patienten mit offenen Abdomen entwickelt hat.

Digitale Transformation

Die Start-ups bringen die Metropole Ruhr weiter nach vorne. Sie schaffen als Arbeitgeber neue und häufig hochqualifizierte Arbeitsplätze. Sie machen die Region für junge, hochqualifizierte Menschen attraktiv. Und sie tragen maßgeblich dazu bei, etablierten Unternehmen bei der digitalen Transformation zu helfen. Anlaufpunkte für Start-ups selbst sind unter anderem die Gründerallianz Ruhr sowie der ruhr:HUB, das im Auftrag des Wirtschaftsministeriums und sechs Städten des Ruhrgebiets die regionale Start-up-Community unterstützt. Einen Einblick in die vielfältige Szene gibt der RuhrSummit. Die Veranstaltung gehört mittlerweile zu den deutschen Top-drei-Start-up-Events, das große Investoren anlockt (29. und 30. Oktober 2019).

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