Große Chancen für den Nachwuchs

Etwa jeder vierte junge Erwachsene zwischen 16 und 22 Jahren befindet sich in einer betrieblichen Ausbildung. Trotz des Rückzugs der Montanindustrie hat die Metropole Ruhr diesen NRW-weit geltenden Wert gehalten. Ihr Rezept: Dienstleistungen statt Kohle und Stahl.

Junge Leute packen an. Sie machen einen Ausflug mit Bewohnern eines Altenheims in Hamm, geben Essen bei der Schwerter Tafel aus und reinigen Tiergehege im Dortmunder Zoo. 35 Auszubildende nahmen am Social Day 2018 der Initiative industry@work teil, die von Industrieunternehmen und der IHK Dortmund gegründet worden ist. Allein in dieser Region empfehlen sich 2.300 Betriebe mit 86.000 Beschäftigten als Sprungbrett in den Beruf. In der gesamten Metropole Ruhr haben 185.000 Unternehmen mit 1,6 Millionen Beschäftigten Bedarf an Nachwuchskräften. Initiativen wie industry@work veranstalten Events und Firmenbesuche, um Einstiegswege aufzuzeigen. Das international geschätzte Modell der dualen Ausbildung – Betriebe und staatliche oder private Bildungsträger teilen sich den Wissenstransfer – verspricht hohe Qualität und gute Karrierechancen. Die Metropole Ruhr verfügt über 109 berufsbildende Schulen und 115 Schulen des Gesundheitswesens.

Nachwuchs aus den eigenen Reihen

Knapp 60 Prozent der Betriebe in der Metropole Ruhr bilden aus, sagt der vom Regionalverband Ruhr herausgegebene Bildungsbericht Ruhr. Mit der Beschäftigtenzahl steigt auch die Ausbildungsbereitschaft: Von den Kleinstbetrieben, die weniger als fünf Mitarbeiter haben, zieht jeder fünfte seinen beruflichen Nachwuchs selbst heran. Dagegen gibt es kaum einen Großbetrieb – 500 Beschäftigte und mehr –, der nicht ausbildet. Der Ausbildungsmarkt spiegelt den Strukturwandel wider: Waren über Generationen Berg- und Hüttenwerke erste Adressen für die „Lehre“, so nimmt heute der Dienstleistungssektor mit einem Anteil von 70 Prozent diese Rolle wahr. Klima- und Energiesektor, Medizintechnik und Altenpflege signalisieren besonderen Bedarf.

Bildungsökonomen gehen davon aus, dass eine durchschnittliche Azubi-Quote von vier Prozent der Belegschaft erforderlich ist, um den Fachkräftebestand zu sichern. Mit Werten zwischen vier und acht Prozent überspringen die Unternehmen in der Ruhrregion diese Latte mühelos. Allerdings werden weniger Ausbildungsplätze gemeldet, als es Bewerber gibt: Im Ruhrgebiet beträgt die Relation 0,67 Plätze je Bewerber, wie die Bundesagentur für Arbeit für 2016/17 errechnet hat. Dabei liegt der Bezirk Essen mit einer Relation von 0,93 an der Spitze – und klar über dem NRW-Durchschnitt von 0,81.

Chancen von A bis Z

Über 600 Berufe stehen zur Wahl, von A wie Anlagenmechaniker/-in bis Z wie Zweiradmechatroniker/-in. Aktuell sind Kauffrau/-mann Büromanagement, Kauffrau/-mann Einzelhandel, Verkäufer/-in, Medizinische/-r Fachangestellte/-r, Industriekauffrau/-mann, Kfz-Mechatroniker/-in und Industriemechaniker/-in die beliebtesten Ausbildungsberufe. Neben diesen „Klassikern“ gibt es jedoch immer mehr neue, attraktive Angebote für Schulabgänger, etwa in der Gesundheits- und Pflegewirtschaft, der digitalen Kommunikation oder der Mobilität. Die Metropole Ruhr hat sich in diesen Branchen durch Start-ups, Kooperationen von Hochschulen und Unternehmen sowie öffentliche Projekte zu einem Innovationstreiber für NRW entwickelt.

Das Start-up Uniq, das Onlinemärkte wie „Urlaubsguru“ und „Mein Haustier“ betreibt, wird 2019 erstmals Fachinformatiker für Systemintegration und Tourismuskaufleute ausbilden. „Sobald ein Unternehmen über eine gewisse Schwelle getreten ist, kommt es auch als Ausbildungsbetrieb in Frage“, findet Personalleiterin Martina Krahn. Mit 200 Mitarbeitern an den Standorten Holzwickede und Unna sei diese Schwelle erreicht. Weiteres Wachstum setze voraus, dass auch die Strukturen mitwachsen und beispielsweise Buchhaltung oder Personalabteilung professionell aufgebaut werden. „Der Schritt zum Ausbilder bedeutet uns extrem viel“, sagt Krahn. „Wir können frühzeitig junge Talente entdecken und fördern. Außerdem leisten wir einen Beitrag zur Gesellschaft, indem wir zukunftsweisende Jobs für Berufseinsteiger in der Digitalbranche schaffen.“

Tablet für jeden Azubi

Das Essener Spezialchemieunternehmen Evonik beschäftigt sich ebenfalls mit der „digitalen Zukunft“. 500 Azubis haben zum Ausbildungsstart im September 2018 ein Tablet und damit Zugriff auf spezielle Lernmedien erhalten. Die Abschlussprüfungen verlieren so ihren Schrecken: Welche Pumpe setze ich für welchen Zweck ein? Wie finde ich die richtige Dichtung für Flanschverbindungen? Derartige Fragen lassen sich jetzt online trainieren. Die Tablets erleichtern die Vorbereitung auf mehr als 10.000 Prüfungsfragen. Zusätzlich können die Auszubildenden mit der Evonik-Learning-App spielerisch lernen. Am Standort Essen zählt Evonik rund 100 Auszubildende in allen vier Lehrjahren. „Als Spezialchemieunternehmen sind wir auf qualifizierten Nachwuchs angewiesen“, sagt Danielle Messner, Teamleiterin Ausbildung.

Um geeignete Bewerber zu finden, geht der Industriekonzern Thyssen-Krupp aus Essen und Duisburg in die Schulen. Die Stahlsparte beispielsweise bietet Praktika und Betriebserkundungen an, schickt Fachleute in den Unterricht und veranstaltet Workshops für Lehrer. Besonders eng sind die Bande zu den sogenannten Kooperationsschulen, die es unter anderem in Bochum, Dinslaken, Dortmund und Duisburg gibt. „Die Perspektiven für eine Ausbildung sind vielfältig im Ruhrgebiet“, sagt Susanne Grube, Leiterin Konzernausbildung. „Bei Thyssen-Krupp bilden wir in Deutschland 3.200 junge Menschen in 60 Berufen aus.“

Goldmedaille im Blick

Eine Berufsausbildung in einem Großunternehmen kann – weitere Qualifizierungen vorausgesetzt – den Weg bis ins Management ebnen. Beruflicher Aufstieg gelingt aber auch in kleineren Strukturen, etwa im Handwerk. Wer die Gesellenprüfung mindestens mit „gut“ abschließt und höchstens 27 Jahre alt ist, kann sein Gesellenstück zum Leistungswettbewerb des Deutschen Handwerks (PLW) einreichen. Von den jährlich rund 3.000 Teilnehmern kämpfen etwas mehr als 700 um den Bundessieg, viele kommen aus der Metropole Ruhr. Den Besten winkt ein Stipendium der Stiftung Begabtenförderung berufliche Bildung des Bundesbildungsministeriums – oder sogar die Teilnahme an den WorldSkills, der Weltmeisterschaft der Berufe. Dort Gold zu holen, ist das i-Tüpfelchen auf der Karriere – und für Azubis aus der Metropole Ruhr durchaus erreichbar.

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