Die Metropole Ruhr auf dem Weg zur Smart City

Dortmund, 22.02.2028, 06:42 Uhr. Draußen dämmert es noch. Als ich das Haus verlasse, geht  die Straßenlaterne vor der Tür an und leuchtet mir den Weg. Auf einem Display sehe ich die Feinstaubwerte: Wie immer im grünen Bereich. Ich bin spät dran und beschließe, über eine App einen E-Bus zu bestellen. Ich bekomme einen individuellen Zusteigepunkt mit Koordinaten, feste Haltestellen gibt es nicht mehr. Fünf Minuten später sitze ich mit anderen Pendlern im autonom fahrenden Bus, der wie alle öffentlichen Verkehrsmittel kostenfrei ist. Staus gibt es schon lange nicht mehr, und auch viel weniger Unfälle seit der Fahrzeug-Autonomie. Auf dem Weg zur Arbeit beantrage ich noch schnell meinen neuen Reisepass im elektronischen Bürgerbüro und bestelle einige frische Zutaten für mein Abendessen – bequem über ein offenes WLAN-Netz mit meinem Smartphone. Ich schaffe es gerade noch rechtzeitig in die Straße von meinem Coworking Space in Essen. Sie ist von 8 bis 12 Uhr für Autos gesperrt – die Straße verwandelt sich in dieser Zeit in einen Kinderspielplatz, der graue LED-Untergrund mit den weißen Streifen wird grün und bietet interaktive Spiele. Mein liebstes ist das riesengroße Fußbodenpiano.

Intelligent, effizient, vernetzt – Die Stadt der Städte vereint viele Initiativen, Ideen und Projekte zur Smart City

Zukunftsmusik? Ja, aber durchaus denkbar. Und in Arbeit. Die Stadt der Zukunft ist smart. In einer Smart City werden digitale Technologien genutzt, damit der Mensch stressfreier leben kann. Umwelt, Energie und Verkehr sind dabei klug miteinander vernetzt. Durch die effiziente Verbindung von Gegenständen mit dem Internet (IoT) werden Prozesse wie die Verkehrsführung effizienter und individuell angepasst. Die Licht- und Energieversorgung aller öffentlichen Gebäude wird mit Sensoren gesteuert, das verringert den Strom- und Heizverbrauch enorm. Weniger Co2-Ausstoß durch Elektroautos steigert die Lebensqualität der Bewohner. Ebenso gibt es durch die frei gewordenen Parkplätze mehr öffentliche Räume. In der Metropole Ruhr sind die Voraussetzungen und der Zeitpunkt für eine Entwicklung zur Smart City optimal.

Den Umgang mit Wandel ist man hier gewohnt. Den Strukturwandel von Kohle und Stahl hin zu einem Dienstleistungs- und Technologiestandort hat das Ruhrgebiet bereits hervorragend gemeistert. Hier gibt es mittlerweile die dichteste Hochschul- & Wissenschaftslandschaft in Europa, die Greentech-Expertise ist überregional bekannt. Ein ehemaliger Stahlwerkstandort ist nun ein See, aus alten Brauereien und Zechen wurden Kultur- und Freizeitzentren oder moderne Arbeitsstätten. „Die Innovationskraft unserer Region ist ungebrochen“, weiß Prof. Dr. Hubert Schulte-Kemper. Er ist Vorstandsvorsitzender der FAKT AG in Essen. Das Unternehmen will 2018 im Rahmen eines Accelerator-Programms Startups mit Ideen zur Smart City fördern. „Der Gründergeist erstreckt sich über viele Initiativen, die mit neuen Technologien, mit neuen Ideen und mit neuen Lösungen den Weg zur Smart City bereiten“, so Schulte-Kemper.  

Transparente Digitalisierungsstrategien mit Bürgerbeteiligung

Auch in Dortmund besitzt das Zukunftsthema Smart City hohe Relevanz. Ein städtisches Chief Information Office übernimmt demnächst die Koordination der Digitalisierungsstrategie. Einige Projekte sind bereits umgesetzt, zum Beispiel nebenan.de: Es vernetzt Anwohner eines Stadtteils über eine App. Über diese Plattform kommunizieren Nachbarn, helfen einander aus, verleihen Laubsägen, verabreden Straßenfeste. Die Beteiligung der Bürger gehört zu jedem Smart City-Konzept.

Die Stadt Dortmund ist der größte IT-Ausbildungsstandort in ganz Deutschland. Kein Wunder, dass sich hier eine digitale Gründer-Kultur entwickelt. Hinzu kommt die optimale Vernetzung von Wissenschaft und Wirtschaft. Digitale Giganten wie Fraunhofer ISST/IMK, das Mittelstand 4.0 Kompetenzzentrum oder die TU Dortmund mit dem bundesweit einmaligen Sonderforschungsprojekt „Data Mining“ im Technologiepark bilden die fachliche Kompetenz für eine Smart City.

Smarte digitale Lösungen

Es reicht nicht, nur das Bürgeramt zu digitalisieren und Behördengänge online zu ermöglichen. Breitbandanschlüsse mit Glasfasernetzen sind Grundvoraussetzung für eine Smart City. Genauso wie offene WLAN-Netze. Bis 2025 will die große Koalition den flächendeckenden Ausbau mit Gigabit-Netzen abschließen und so den Wechselkurs zur Glasfaserinfrastruktur vollziehen. Dieser Ansatz soll mit öffentlichen Mitteln von rund 10 bis 12 Milliarden Euro unterstützt werden.

Für ihre breite Glasfaserstruktur erhielt die Stadt Gelsenkirchen 2016 den Smart City Award. Von der schnellen Internetleitung profitieren mehr als 800 Unternehmen und 5.000 Wohneinheiten. Nachdem Gelsenkirchen erfolgreich stationäre Hotspots in Fußgängerzonen, Stadtzentren und im Zoo eingeführt hat, werden die Hotspots bald mobil eingesetzt – im öffentlichen Nahverkehr. Gemeinsam mit Huawei und GELSEN-NET soll in Zukunft eine 100prozentige Tochter innovative Projekte fördern. In Planung sind z. B. Mülltonnen mit Sensoren, die dem Entsorgungsdienstleister einen Hinweis geben, sobald sie voll sind, Straßenlaternen, die sich dimmen, wenn niemand in der Nähe ist, Apps, die den Fahrer zum nächsten freien Parkplatz lotsen.

Auch Bochum setzt auf schnelles und überall verfügbares Internet durch Glasfaser. Es gibt bereits 22 Hot-Spots. Sogenannte „Access Points“ versorgen eine Fläche von drei Fußballfeldern in der Stadt mit kostenfreiem WLAN. Der Verein Freifunk Bochum arbeitet ehrenamtlich an der fortschreitenden Vernetzung der Stadt. Ziel ist es, einen kostenlosen Internetzugang für alle zu ermöglichen.

Beschleunigung durch chinesischen IT-Weltmarktführer Huawei

Hilfe und technisches Know-how auf dem Weg zur Smart City bekommt Duisburg vom chinesischen IT-Weltmarktführer Huawei. Geplant sind u. a. die Ausweitung des WLAN-Netzes und das intelligente Klassenzimmer inklusive Breitbandanschluss für Duisburger Schulen. Gemeinsam mit Huawei erarbeitet die Stadt Cloud-Lösungen für digitale Behördengänge und spricht über  autonomes Fahren. Ein neues Mobilitätskonzept testet die Stadt bereits: Der Bus kommt in Duisburg nämlich zum Fahrer. Wer in die Stadt will, ordert per App einen Kleinbus und wird eingesammelt. Individuelle Fahrten werden so kombiniert, dass mehrere Ziele auf einer Route liegen – bezahlt wird online. „Bus on demand" heißt das Angebot, das deutschlandweit einmalig im öffentlichen Nahverkehr einer Großstadt ist.

„Nicht zuletzt sind es der Pragmatismus der Bewohner, ihre Freude am gemeinsamen Erleben sowie die kultivierte Klarheit, Bodenständigkeit und Unaufgeregtheit in der Region, die sinnvollen und nutzenstiftenden Lösungen zu Akzeptanz verhelfen werden“, fasst Chirine Etezadzadeh, Vorstandsvorsitzende des Bundesverbandes Smart City zusammen.  „Die sich transformierende Energieregion wird in der Lage sein, energiehungrige Zukunfsstädte nachhaltig zu versorgen.“

 

Leben und arbeiten in der Smart City-Zukunft

Ich mache mittags Feierabend nach einem Snack Omelett mit Eiern von Hühnern, die auf unserem grünen Dachgarten leben. Ein befreundetes Start-up aus San Francisco möchte heute Abend noch einen Rat zum Thema Ladesäulen und eine Videokonferenz halten, das geht von zuhause. Die Sonne scheint, also beschließe ich spontan, mir ein E-Bike zu leihen und über den Radschnellweg Ruhr zu fahren. Gerade angekommen, liefert mir eine Drohe die bestellten Einkäufe und meinen neuen Reisepass. Auch wenn die Virtual Reality Reisen immer beliebter werden, plane ich lieber traditionellen Urlaub.